Die Sekte lädt zur Taufe ein - Bieler Tagblatt 09.12.2005
Lange hat man nicht mehr viel gehört vom Kollektiv Langusta Entertainment. Jetzt werden gleich drei CDs auf einmal getauft.
Es ist sicherlich die beste Bieler Led-Zeppelin-Coverversion seit «Pull My Daisy»: Einem übermütigen Hip-Hop-Intro folgt ein überschäumendes Schlagzeug, ein trockenes Wurlitzerpiano, eine groovende Gitarre mit Wah-Wah-Pedal, den Refrain von «Good Times Bad Times» singt eine knarrende Roboterstimme. Das Stück eröffnet «And You Don't Stop», das neue Album von The Lovejoys (siehe Zweittext).
Der gemeinsame Nenner
The Lovejoys? Dort spielen Leute mit Namen wie Amos Corny, Beat Baby Boo, Dr. Jazz, Yves St. Laurent oder Wurlitzer Revenge - alles Leute aus dem Kuchen von Langusta Entertainment. «Jeder hat sicher drei Pseudonyme», sagt Amos Corny, mit bürgerlichem Namen Tristan Triponez, «das gehört bei uns dazu.» Entstanden ist Langusta Entertainment aus der Bieler Grossband Salmonella Q, heute umfasst das Kollektiv zwölf Musiker, die in verschiedenen Formationen und oft mit zahlreichen Gästen auftreten. «Langusta ist Underground und Entertainment in einem», heisst es im Selbstbeschrieb, und Amos Corny doppelt nach: «Unser gemeinsamer Nenner ist nicht ein bestimmter Stil, sondern die Haltung, wie etwas dargeboten wird.»
So reicht die Musik von Langusta-Projekten von Hip Hop bis zu Jazz und Elektro. Gemeinsam ist ihnen, dass sie stets mit einer gewissen Ironie und einem Sinn für die Show verfolgt werden. Paradebeispiel dafür ist «Future Shock», das mehrstündige Grossprogramm an der Expo.02. In wilden Verkleidungen präsentierten bis zu 20 Musiker eine aberwitzige Revue nach den Vorbildern von Black-Music-Grossbands wie jener von George Clinton. Solche Projekte geht Lan-gusta unbekümmert an: Für das von Langusta-Leuten organisierte Bieler Festival von Ende Januar ist wieder eine Show dieser Art geplant - Fenaueres weiss Amos Corny noch nicht, «ein Monat reicht uns zur Vorbereitung». Aufnahme ins Langusta-Universum findet man nicht einfach so: «Wir sind wie eine Sekte», gesteht Corny, neue Mitglieder werden nur bei Bedarf gesucht, gewissermassen ernannt. Das müssen nicht nur Musiker sein, so wurde auch schon ein Bandmitglied benötigt, das über mehrere Jahre den Gorilla auf der Bühne gab. «Die Mitglieder müssen den Geist von Langusta spüren», so Corny. Dieser zeichnet sich aus durch musikalische Offenheit und den Willen, den eigenen Weg zu gehen. Langusta finanziert seine Projekte selber, durch den Konzertbetrieb oder aus der eigenen Tasche.
Volkstümlicher Schlager
Dass Langusta Entertainment gerade in Biel wirkt, dürfte kein Zufall sein. «Die Bieler sind relativ offen für Dinge, wie wir sie machen», sagt Corny, «wir nehmen die Musik ernst, aber uns selber nicht zu sehr.» Vorschriften gibt es keine, «aber es ist eher unwahrscheinlich, dass jemand von uns volkstümlichen Schlager machen will», sagt Corny, um nach kurzem Überlegen beizufügen: «Aber so sicher ist das auch nicht.»
Drei auf einen Streich
Morgen Abend ist grosser Bahnhof im Saal des Restaurants St. Gervais: Nicht weniger als drei CDs auf einmal werden getauft, alle sind Bandprojekte aus dem Umfeld von Langusta Entertainment.
The Lovejoys stellen ihr Werk «And You Don't Stop» vor. Es bietet «Musik, wie sie in den Anfängen von Hip-Hop-Partys gespielt wurde» (Amos Corny): Soul, Filmmusik, Easy Listening; alles mit einem klaren Hang zu den 1960er- und 70er-Jahren und einem charmanten retrofuturistischen Touch. So singt etwa der bandeigene Roboter «Borotron» den Refrain von «Good Times Bad Times». Im Gegensatz zum vor Spielfreude überschäumenden Inhalt, der unverfroren New Wave mit Western-Soundtrack mischt, ist das Artwork der CD bewusst schlicht gehalten: «Es reicht, wenn die Musik chaotisch ist», so Amos Corny. Der Hang zu Pseudonymen erfasst auch die Gäste: Auf «Streets Of Sao Pao-lo», einem Remake von «Streets Of San Francisco», singt ein gewisses junges Gesangstalent namens Mammajola Veraguzzi.
«Raw And Unfinished» nennt Amos Corny seine Solo-CD. Stilgrenzen kennt auch sie nicht: Mühelos folgt einer altertümlich anmutenden Ballade («Where Has All The Love Gone?») der analog rotzende Elektrorocksong «She's Hot». «Ich habe kein spezielles Konzept verfolgt», so Amos Corny, «die Sounds und Arrangements haben sich aus den Songs heraus ergeben.» Weil in den Langusta-Grossprojekten und bei den Lovejoys zahlreiche Covers gespielt werden, wollte sich Corny im Soloprojekt ganz den eigenen Ideen widmen. Das geht so weit, dass er bei einzelnen Songs kurzerhand alle Instrumente selber eingespielt hat.
Im Gegensatz zu Amos Corny und den Lovejoys klingt die Teh'bak Nation vergleichsweise digital. Das Hip-Hop-Quartett hat sich eine eigene Sprache zugelegt, ursprünglich, um in der Öffentlichkeit schmutzige Wörter gebrauchen zu können. «Digital Yokozuna» verströmt eigentümlichen Charme, die Sprache gemahnt an einen Mix aus Japanisch, Arabisch und Englisch. Es ist ein eigenes Universum mit einem Fantasy-Einschlag in seiner Ästhetik. Aber auch hier gilt: Samanoske Jehuty, Yuki, Yumemaru Shang und Chihiro Shin dürftens nicht ganz so ernst meinen, wies auf den ersten Blick aussieht - dafür lernt man die Teh'bak-Schimpfwörter schon in Lektion zwei."
Bieler Tagblatt 09.12.2005
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